Theodor Storms Leben in Heiligenstadt zwischen 1856 und 1864
Am 18. 8. 1856 betrat Theodor Storm (1817 – 1888) zum ersten Male zusammen mit seinem Vater die kleine, weniger als 5000 Einwohner zählende Stadt im Eichsfeld. Der Husumer Jurist und Dichter kam nicht ganz freiwillig nach Heiligenstadt: 1852 war seine Anwaltszulassung von den dänischen Behörden nicht verlängert worden, da er in den politischen Auseinandersetzungen zwischen Dänemark und den Herzogtümern auf Seiten der schleswig-holsteinischen Erhebung gestanden hatte. Storm musste deshalb im „Ausland“ ein Unterkommen suchen und fand dies 1853 in Preußen, zunächst als Assessor beim Potsdamer Kreisgericht. Erst im Juli 1856 erfolgte seine Berufung zum Kreisrichter in Heiligenstadt. Mitte September 1856 zog seine Familie ihm nach, Frau Constanze, die Söhne Hans, Ernst und Karl sowie die Tochter Lisbeth; zwei Töchter, Lucie und Elsabe, wurden erst in Heiligenstadt geboren.
Storm nahm zunächst eine Wohnung vor dem Kasseler Tor (heute: Liesebühl 2), auf einem Grundstück gelegen, das seinem Bruder Otto gehörte, der dort eine Gärtnerei betrieb. Ein Jahr später wechselte die Familie in die Wilhelmstraße 73 hinüber. Finanziell gesehen war es keine leichte Zeit; mit 600 Reichstalern konnten die Storms selbst bei bescheidenster Lebensführung nicht auskommen. Der Dichter blieb auch als preußischer Kreisrichter auf die Unterstützung seines Vaters angewiesen.
Seine juristische Arbeit umfasste zum einen die Tätigkeit eines Bagatellrichters, bei der er häufig Lokaltermine abzuhalten hatte, die ihn in die Umgebung der Stadt führten (Geisleden, Steinbach, Kalteneber, Uder) und ihn mit Land und Leuten bekannt machten. Zum anderen hatte er regelmäßig Schwurgerichtssitzungen beizuwohnen, in denen Schwerverbrechen verhandelt wurden. Mehrere Delinquenten verurteilte er in dieser Funktion mit zum Tode: 1857 wegen Tötung aus Habgier den Müller August Friedrich Pfeiffer aus Wernigerode, aus gleichem Grund 1858 den Tagelöhner Semme und 1862 wegen Mord den „Handarbeiter“ August Carl Rohrberg aus Bodenrode.
Storm pflegte in Heiligenstadt einen Lebensstil, der sich bereits in Husum und Potsdam ausgeprägt hatte: Im Mittelpunkt stand die Familie und eine bildungsbürgerliche Geselligkeit mit Hausmusik, Vorleseabenden, wechselseitigen Besuchen von Freunden sowie Ausflügen in die Umgebung (auf den Iberg, nach der Burg Hanstein, zur Teufelskanzel im Werratal). Storm gründete hier wie einst in Husum einen Gesangverein, das sogenannte „Singkränzchen“, mit dem er anspruchsvolle Chorwerke zur Aufführung brachte.
Mit dem feinsinnigen und gebildeten Landrat Alexander von Wussow schloss er 1858 eine enge Freundschaft, die wohl zur Erweiterung seines Heiligenstädter Bekanntenkreises sowie zu seiner größeren gesellschaftlichen Anerkennung in der Kleinstadt führte. Der Berliner Maler und Journalist Ludwig Pietsch gehörte zu den häufigen und gern gesehenen Sommergästen auf dem Eichsfeld. Ihm sind die umfangreichsten Erinnerungen an Storms Heiligenstädter Zeit zu verdanken („Theodor Storm. Eine Lebensskizze“, 1868; „Theodor Storm. Persönliche Erinnerungen“ 1888).
Storm hatte sich bereits als junger Dichter wie viele Intellektuelle seiner Generation intensiv mit der Rolle von Christentum und Kirche in seiner Zeit auseinandergesetzt. Im vom katholischen Glauben tief geprägten Eichsfeld war die Herausforderung groß, sich der eigenen Weltanschauung nochmals zu versichern. In den wichtigen Heiligenstädter Novellen wie „Veronica“ (1861) und „Im Schloss“ (1862) thematisiert der Autor deshalb nicht von ungefähr gerade die religiös-weltanschauliche Entwicklung seiner Protagonisten. Und in dem großen Bekenntnisgedicht „Ein Sterbender“ (1863) vermeint man gleichsam sein Vermächtnis zu lesen:
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